Text der Woche

von 
Andreas Fehler

Am Fenster

 

Wie dunkle Raumschiffe schieben sich die Donnerwalzen vor das Auge. Über meinem Gruftberg rasseln Wasser und Donner auf grüne Felder. Als würden die Menschen all ihre Fehler ausschütten. Meine Gruft ist heller nun, als es in der Welt dunkelt. Ich erlaube es. Und es kühlt behaglich durch die gehackte kleine Öffnung im ausgedörrten schwarzen Tempelraum: fühle mich, ausgestreckt als Mumie auf schwarzem Katafalk, nun besser. Gewisser, als in den Tage der Hitze und des brennenden Lichtes. Die Sonne drückte mich doch sehr. Von der vierten Welle ward auch schon die Rede, dort draußen. Mich drückte`s dunkel mehr die letzten Tage. Wie ein Muskelkater nach einer durchgeturnten Liebesnacht, in Mattigkeit der Hitz`. Erster Blick aus meiner Lehm-Gruft seit April oder Mai: Wie grün doch die Bäume geworden sind?

 

Gestern sah ich die Bachmann.

Seit Jahren schaue ich immer scheu dem Wettbewerb zu. Denn wo die Literaten Literatur feiern, erfolgreich in Klagenfurt den Menschen mitzuteilen haben, Möglichkeiten, mit Texten ein Publikum zu haben, finden die Literaturtage zwar für mich statt, freilich - immer ohne mich. Vor Jahren bewarb ich mich mit einer Erzählung, streng nach Vorschrift. Aber, keine Reaktion. Als hätte ich auch beim zweiten Male meine Unterlagen nicht in den Briefkasten, sondern in eine gelbe Mülltonne geworfen. Schweigen der Instanzen.

 

Wie jung die Autoren sind? Wie schlecht sie lesen. Wie eitel die Juroren sich vor der Kamera rekeln. Ihre Worte der Kritik sind manchmal schöner als die Texte selbst. Hatte immer ein wenig Angst vor den Lesenden, weil sie mir damals doch so gescheit und talentiert und wortgewaltig vorkamen. Nun aber, nach den Jahren: sie sind alle so jung, so ungeschliffen mit und in ihrer Literatur. Kann das doch auch, denke ich, und verfolge die Texte aufmerksamer: wunder mich über die falschen oder unpassenden Bilder, frage mich immer wieder, wie alt die Erzählerin -, der Erzähler sein möge. Denn alle Texte muten mir so postpubertär an. Alle sind sie auf der Suche nach Traumata, nach ungelösten Problemen aus dem jungen Leben des Autors. Ich-Texte, möglicherweise, die doch zu vermeiden sind, meine ich, wenn im Epischen Präteritum geschrieben werden soll.

 

Ein Text tat es mir besonders.

Im Schweigen meiner Gruft, sprangen mir plötzlich helle Worte aus dem schwarzen Mund, seit Wochen meine ersten Laute, weil der DDR-Text eines jungen Westdeutschen so oberflächlich gefasst war. Worte meines und einer Jurorin Protestes. Weil die Menschen der DDR so dunkel und faul und schmutzig dargestellt wurden, nur die schönen Wessis machten alles nach der Wende alles wieder so erfolgreich und gescheit rein. Um sich schließlich doch nur zu langweilen im neuen Anwesen am See (vielleicht, die Müritz). Wo ihr Leben, das des jungen Helden der Geschichte, so uninspiriert, so hilflos inmitten all der Freiheiten verläuft, in all dem sauberen und schönen und modernem Umfeld unserer Tage. „Zeig mir was. Will unterhalten werden.“ Das Verblüffende aber, die lange, meist langweilige Lesezeit der Anderen, verging diesmal so rasch wie das Blitzen und Donnern dort draußen. Alles war so bekömmlich und einfach, so unterhaltsam. So leidlich der Text (Inhalt und Form und Sprache) von Timon Karl Kaleyta auch war, so gut war er anzunehmen. Die dusslige Geschichte hallte den ganzen Samstagabend in mir. Schließlich: 3-sat-Preisträger von 2021. Dabei fanden viele Juroren diesen Text so einfach gestrickt wie eine Geschichte aus der Sendung mit der Maus. Mein Siegertext wurde nicht bedacht.

Heißt, ich habe schlichtweg keine Ahnung von Literatur, wie man sie liest, analysiert, wie man sie schreibt. In meiner Gruft ist es immer noch hell. Erlaube immer noch das Licht. Schaue dem Regen zu. Atme die würzige Luft, die wie Thymian von Korinthos, meinem Hellas, duftet. Meine Zwölf Briefe an Annemarie, Briefe aus der Gruft, die schreibe ich auch weiterhin, Elen. Willst doch immerzu lesen. - Dreinschlagen wird aber dies Opus gleich zu Beginn des neuen Jahres. Erwarten Sie bloß keine Blumen, Fluchtkind.

(Ihre Eltern hätten ruhig mal bei meinem Grenzabschnitt vorbeikommen sollen.)

 

Still jetzt!

Der Hausmeister des Tempelberges, der Kastellan, muss nun das Loch wieder schließen, mit Lehm dick und dicht verstreichen, glätten, mit bunten Gryphen bemalen. So befahl ich`s! Muss mich wieder winden in meine Binden. Ausstrecken und die Augen eines Verdorrten, die wie schwarze Oliven glänzen, schließen – noch sechs Monate lang. Das ist wohl, das ist gold, schmunzle ich. Es geziemt sich in Tagen, den unseren.

Staub!

© Andreas Fehler